Jagdverhalten im Alltag – zwischen Sicherheit und Bedürfnis

Jagdverhalten gehört zur biologischen Grundausstattung unserer Hunde.

Unabhängig davon, ob es sich um einen Hütehund, einen Retriever oder einen Mischling handelt – Elemente der Jagdverhaltenskette sind in nahezu jedem Hund angelegt.

Und trotzdem versuchen wir im Alltag oft genau das zu verhindern.

Nicht aus Ignoranz, sondern aus Sorge.
Aus Angst vor Wild, vor Kontrollverlust, vor gefährlichen Situationen.

Doch genau hier lohnt sich ein Perspektivwechsel.

Jagdverhalten ist mehr als Hetzen

Wenn wir an Jagdverhalten denken, haben viele sofort das Bild eines Hundes im Kopf, der Wild hinterherjagt.
Dabei ist das nur ein kleiner Teil der gesamten Jagdverhaltenskette.

Diese beginnt viel früher – und oft sehr leise:

  • Wahrnehmen von Gerüchen

  • Aufnehmen von Spuren

  • Suchen

  • Fixieren

  • Anschleichen

Erst ganz am Ende stehen Hetzen und Packen.

Viele dieser frühen Sequenzen sind für den Hund hoch befriedigend – ohne dass es gefährlich wird.

Jagdverhalten ist individuell – und nicht jeder Hund will „Beute machen“

Ein weiterer wichtiger Aspekt wird im Zusammenhang mit Jagdverhalten oft übersehen:
Nicht jeder Hund zeigt jede Sequenz der Jagdverhaltenskette.

Je nach Genetik, Rassetyp, individueller Veranlagung und Lernerfahrung sind einzelne Elemente unterschiedlich stark ausgeprägt – andere fehlen komplett.

Viele Hunde zeigen zum Beispiel:

  • intensives Suchen und Stöbern

  • starkes Fixieren

  • hohe Reizempfänglichkeit für Bewegung

…ohne jemals echtes Interesse daran zu haben, Beute zu packen, zu töten oder zu fressen.

Für die meisten Hunde ist nicht das Zerlegen oder Fressen das Ziel.
Das, was sie antreibt, ist der Prozess selbst:

  • das Lesen von Spuren

  • das Lösen einer Aufgabe

  • das Folgen eines Geruchs

  • das kurze Aufgehen im Moment

Diese Sequenzen sind hochgradig selbstbelohnend – ganz ohne „Erfolg“ im jagdlichen Sinne.

Warum Hunde Jagdsequenzen brauchen

Jagdverhalten ist kein „Problemverhalten“.
Es ist ein Bedürfnis.

Wenn Hunde keine Möglichkeit bekommen, jagdliche Sequenzen auszuleben, entsteht häufig:

  • Frust

  • innere Unruhe

  • erhöhte Reizbarkeit

  • steigende Erregung im Alltag

Das zeigt sich dann oft in Situationen, die auf den ersten Blick nichts mit Jagd zu tun haben:
Ziehen an der Leine, schlechtes Ansprechverhalten, ständige Wachsamkeit.

Nicht, weil der Hund „mehr will“, sondern weil ihm etwas fehlt.

Unterdrücken schafft keine Kontrolle

Viele Halter:innen erleben einen entscheidenden Wendepunkt, wenn sie anfangen, Jagdsequenzen bewusst zu erlauben.

Plötzlich wird der Hund:

  • ansprechbarer

  • weniger hektisch

  • besser lenkbar

  • emotional stabiler

Nicht, weil er „müde gemacht“ wird,
sondern weil er innerlich ausgeglichener ist.

Er muss nicht ständig auf der Suche sein –
weil er weiß, dass sein Bedürfnis Raum bekommt.

Jagdverhalten befriedigen – auch ohne echte Jagd

Jagdsequenzen ausleben zu dürfen bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Hund Wild hetzen oder verfolgen darf.
Vielmehr geht es darum, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu erkennen und gezielt zu erfüllen.

Denn Jagdverhalten besteht aus unterschiedlichen Motivationen:

  • Bewegung

  • Suche

  • Spannung

  • Problemlösung

  • Erfolgserlebnisse

Diese Bedürfnisse lassen sich auf verschiedenen Wegen befriedigen – ohne Risiko für Hund, Wild oder Mensch.

Belohnung ist nicht gleich Belohnung

Welche Alternative sinnvoll ist, hängt stark davon ab, welche Sequenz für den jeweiligen Hund besonders lohnend ist.

Ein Hund, der stark über Bewegung motiviert ist, profitiert eher von:

  • kurzen Hetzspielen in kontrolliertem Rahmen

  • Ball- oder Futterkegeln

  • gezielten Renn- und Stopp-Spielen

Ein Hund, der hauptsächlich über die Nase jagt, findet Erfüllung in:

  • Suchaufgaben

  • Futterfährten

  • Stöberarbeit

  • bewusstem Schnüffeln auf Spaziergängen

Ein Hund, der gerne „Beute bearbeitet“, kann sein Bedürfnis ausleben durch:

  • Zerrspiele

  • das Zerlegen einer Leckerchentüte

  • Futter aus Verpackungen lösen

Nicht die Form ist entscheidend – sondern die Funktion dahinter.

Fazit

Nachhaltiges Training bedeutet, Jagdverhalten dann zu erlauben, wenn es möglich ist und wenn nicht, die passenden Wahlmöglichkeiten zu schaffen.

Der Hund lernt:

  • Wann Jagdsequenzen erlaubt sind

  • Wann es Alternativen gibt

  • Und dass Kooperation sich lohnt

So lernt der Hund:

„Mein Bedürfnis wird gesehen“

Das schafft nicht nur Sicherheit, sondern auch Vertrauen – und genau dieses Vertrauen ist die Basis für Orientierung im Alltag.

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